„Mammographie-Screening soll Leben retten“

Im Alter zwischen 50 und 69 haben Frauen die Möglichkeit, alle zwei Jahre an einem Mammographie-Screening teilzunehmen. Dieses Krebsfrüherkennungs-Programm findet nicht nur Zustimmung. Im Interview erklärt Frauenarzt Professor Diethelm Wallwiener, Tübingen, warum er das Screening für unverzichtbar hält.

Herr Professor Wallwiener, wie viele Frauen in Deutschland beteiligen sich am Mammographie-Screening?

Wallwiener: Aktuell beträgt die Screening-Teilnahmerate in der entsprechenden  Altersgruppe bundesweit circa 63 Prozent, wobei in ländlichen Arealen bis zu 75 Prozent der Frauen dieses Angebot nutzen. Verständlicherweise sind in städtischen Gebieten bei einem hohen Anteil an Radiologiepraxen die Teilnahmeraten am Screening geringer.

Was hindert die restlichen 37 Prozent der Frauen daran, zur Mammografie zu gehen?

Im städtischen Einzugsbereich ist die Rate an Frauen, die sich gemäß den entsprechenden Leitlinien von selbst alle zwei Jahre regelmäßig einer Mammographie unterziehen, deutlich höher und damit die Teilnahmerate am Screening geringer. Ansonsten sind die Gründe nicht am Screening teilzunehmen vielfältig. Nicht selten ist es auch eine gewisse Verunsicherung im Rahmen der öffentlichen Diskussion, etwa in den Medien.

Was bringt das Screening konkret?

Ein ganz wichtiges Ziel eines Mammographie-Screenings ist es, die Brustkrebs-Sterblichkeit zu senken. Dies basiert auf der Tatsache, dass Brustkrebs im Rahmen des Screenings in einem sehr viel früheren Stadium diagnostiziert wird als ohne Früherkennungs-Programm und damit auch besser behandelt werden kann. Verständlicherweise sind die Heilungsraten bei frühen Stadien besser als bei fortgeschrittenen. Aktuell werden im Screening Frühstadien in 35 Prozent der Fälle entdeckt. Vor Einführung des Screening-Programms waren es nur 14,4 Prozent.

Führt das Screening dazu, dass weniger betroffene Frauen an ihrem Tumor sterben?

Davon gehe ich aus. Der Effekt einer Senkung der Brustkrebssterblichkeit zeigt sich allerdings frühestens nach zehn bis 15 Jahren – so wie das bei jedem anderen Screening-Programm der Fall ist.

Kritiker sehen im Screening-Programm die Gefahr einer Überdiagnostik. Wie stehen Sie dazu?

Als Überdiagnose wird in der Regel der Anteil an betroffenen Frauen definiert, bei denen sich der Tumor – ohne Früherkennung – in der verbliebenen Lebenszeit nicht mehr klinisch hätte bemerkbar machen können. Auch hier ist zu erwähnen, dass Überdiagnosen in jedem Früherkennungsprogramm zu finden sind. Eine Analyse der Euro-Screengruppe hat gezeigt, dass die Rate an Überdiagnosen bei circa ein bis zehn Prozent liegt.

Eine Mammographie ist immer mit einer Strahlenbelastung verbunden. Stimmt hier das Nutzen/Risiko-Verhältnis?

Dank der Früherkennung sterben weniger Frauen an Brustkrebs. Zudem ist die Strahlenbelastung moderner Geräte gering. Deshalb fällt das Nutzen/Risiko-Verhältnis positiv für das Screening aus.

Gibt es spezielle Risikogruppen, denen Sie die Mammographie besonders ans Herz legen wollen?

Risikogruppen sind Frauen mit familiärer Brustkrebsbelastung, aber auch Frauen, die selbst oder Familienangehörige an Eierstockskrebs erkrankt sind. Hier bietet das Universitätsbrustzentrum Tübingen eine Beratungssprechstunde zusammen mit den Experten des Genetikinstitutes unter dem gemeinsamen Dach der Universitäts-Frauenklinik -Tübingen an.

Interview: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 4/2013

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