Wozu ist ein Multigen-Test bei Brustkrebs gut?

Bei mir sind die Ärzte nicht sicher, ob eine begleitende Chemotherapie nötig ist. Sie schlagen vor, einen Multigen-Test zu machen. Aber Chemotherapie hilft doch auf jeden Fall. Warum soll dann noch dieser Test gemacht werden?

Es ist unbestritten und nachgewiesen, dass eine Chemotherapie beim Brustkrebs die Heilungschancen erhöht und das Rezidivrisiko vermindert. Genauso klar ist aber auch, dass einige Frauen mit Brustkrebs gar keine Chemotherapie brauchen. Sie können mit einer Operation und anderen medikamentösen Therapien geheilt werden. Die Kunst ist also herauszufinden, wer von einer Chemotherapie profitiert und wer nicht.

Chemotherapie nötig oder nicht – das ist die Frage

Denn die Chemotherapie bekämpft nicht nur den Krebs. Sie macht auch zum Teil gravierende und die Lebensqualität massiv einschränkende Nebenwirkungen. Über die akuten Nebenwirkungen wie Haarausfall könnte man vielleicht noch hinwegsehen. Die Haare wachsen schließlich irgendwann wieder nach. Auch bei den Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, so quälend sie auch immer sein mögen, kann man sich trösten. Das geht vorbei. Auch ein Ausbleiben der Periode ist sicher noch zu verkraften.

Schwieriger ist es da schon, mit Nebenwirkungen wie dem sogenannten Müdigkeitssyndrom (Fatigue-Syndrom) zurechtzukommen, bei dem man bei ausgeprägter Form nicht einmal mehr imstande ist, seinen alltäglichen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Nerven der Extremitäten können in Mitleidenschaft gezogen werden, eine sogenannte "Polyneuropathie" tritt ein. Noch belastender ist das "Chemo-Brain", das durch Zytostatika ausgelöst werden kann. Hier kommt es zu den gleichen Symptomen wie bei einer Alzheimer-Erkrankung oder einer Demenz.

Selbst lebensgefährliche Veränderungen können durch die Chemotherapie auftreten. Veränderungen des Blutbildes, Gerinnungsstörungen, aber auch tödliche Herzmuskelentzündungen können vorkommen. Und nicht zuletzt ist die Rate der Leukämie-Erkrankungen nach einer Chemotherapie statistisch erhöht.

Über- und Untertherapie vermeiden

Bei all diesen möglichen Nebenwirkungen ist es also sehr wichtig, Betroffene nur dann diesem Risiko auszusetzen, wenn es auch erforderlich ist. Um das zu entscheiden, wurden bisher Parameter wie Alter, Tumorgröße, Grading, Rezeptorstatus etc. herangezogen. Die daraus folgende Entscheidung war aber manchmal ungenau. Das individuelle Risiko vorauszusagen, gelang nicht.

Die Betroffenen wurden daher entweder über- oder untertherapiert, d.h. sie bekamen entweder zu viel Therapie, die sie eigentlich gar nicht gebraucht hätten, oder zu wenig.

Der Multigen-Test kann Klarheit schaffen

Mit den seit einigen Jahren zur Verfügung stehenden Multigen-Tests lässt sich eine viel genauere Voraussage über die individuelle Situation treffen als bisher. Mit den Tests können individuelle Profile von tausenden Genen einer Person hergestellt werden.

In den gängigen Multigen-Tests für Frauen mit einem Brustkrebs sind jetzt Gruppen der wichtigsten Gene zusammengestellt, die etwas über das spätere Auftreten von Metastasen, die Wahrscheinlichkeit für ein Wiederauftreten des Tumors und die individuelle Prognose aussagen. Bestimmt werden dabei tumorspezifische Gene. Je nach Aktivität wird dann in niedriges Risiko, mittleres Risiko oder hohes Risiko eingeteilt.

Darüber hinaus wünschenswert wäre zudem eine Vorhersage, ob der Tumor auf die Therapie ansprechen wird. Das leisten aber die derzeit auf dem Markt befindlichen Tests leider noch nicht. Auf jeden Fall können Multigen-Tests helfen, unnötige Chemotherapien und vor allem die dadurch ausgelösten, manchmal schweren Nebenwirkungen zu vermeiden.

Autor: Dr. med. Karlheinz Keppler

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