Was ist von einer Misteltherapie bei Brustkrebs zu halten?

Die Mistel ist ein strauchartiges Gewächs, das in der Antike als heilig galt und in der Mythologie und im Brauchtum dank der magischen Kräfte, die ihr zugeschrieben wurden, eine wichtige Rolle spielt. Ihre Bedeutung als Heilmittel ist umstritten.

Den Galliern Asterix und Obelix verleiht der Zaubertrank des Miraculix magische Kräfte. Ein Bestandteil der geheimnisvollen Mixtur sind Misteln. Doch helfen sie auch bei Brustkrebs?

Kampf der Schmarotzer

Misteln gehören zu den Halbparasiten, d.h. sie zehren zum Teil von anderen Pflanzen, ohne sie dadurch zu zerstören. Denn dann hätten sie selbst ja auch nichts mehr von ihrem überaus nützlichen Wirt. Sie wachsen an Bäumen oder Sträuchern und ranken als kugelige Nester um deren Zweige. Dabei zapfen sie ihre Gastgeber mit ihren Wurzeln, die als Saugorgane dienen, an und entziehen ihnen Wasser und Nährstoffe.

Der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner sah im Schmarotzertum der Mistel ähnliche Grundzüge wie im ungebremsten Krebswachstum. Genauso wie die Mistel gedeiht auch ein Tumor auf Kosten eines anderen. Aus dieser Analogie zog er den Schluss, dass das eine gegen das andere wirken müsste.

Diese gewagte These wurde in den letzten Jahren auch wissenschaftlich untersucht, wobei die methodische Qualität der Studien insgesamt zu wünschen übrig lässt und ihre Aussagekraft damit fraglich bleibt.

Wirkung auf Zellen und das Immunsystem

Die Mistel enthält verschiedene Substanzen, die für die vermeintlichen Wirkungen verantwortlich gemacht werden. Dazu zählen die Lektine, bestimmte Eiweißstoffe, die sich an Zellen heften und unterschiedliche Reaktionen auslösen können. Durch ihr zerstörerisches Potential können sie Zellen auch vernichten.

Andere einweißhaltige Stoffe in der Mistel, die toxisch wirken, sind die Viskotoxine. Sie nutzen das Immunsystem für ihre Zwecke und aktivieren bestimmte Abwehrzellen, die wiederum andere Zellen in den Zelltod stürzen können.

Im Grunde sind das tatsächlich ähnliche Mechanismen, wie sie auch bei der Chemotherapie ablaufen. Auch sie wirkt zellschädigend und richtet sich vor allem gegen Zellen, die sich schnell teilen, wie es für Krebs typisch ist. So soll laut der Theorie der Anthroposophen auch die Mistel gegen Tumoren wirken und das körpereigene Abwehrsystem gegen ihn mobilisieren.

Lebensqualität könnte steigen

Auch wenn die Wirkungen der einzelnen Inhaltsstoffe nachgewiesen sind und die Mistel durchaus ein toxisches, zellschädigendes Potential hat, ist derzeit noch unklar, ob diese Effekte auch auf den Menschen übertragbar sind und entsprechende Veränderungen bewirken. Bislang konnte nicht gezeigt werden, dass sich die Überlebenszeit, ein wichtiger Parameter bei der Frage nach der Wirksamkeit einer Behandlung, durch eine Misteltherapie verlängert.

Etwas anders sieht es bei der Frage nach der Lebensqualität aus. Studien deuten darauf hin, dass Betroffene hier von der Mistel profitieren und in ihrem Wohlbefinden unterstützt werden könnten. Auch Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen wie die Fatigue (ausgeprägte, anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung) oder Übelkeit und Erbrechen verbesserten sich bei vielen Studienteilnehmern. Eine begleitende Behandlung mit Misteln könnte die Chemotherapie damit besser verträglich machen.

Bleiben Sie kritisch und aufmerksam

Einschränkend muss jedoch auf die mangelnde Qualität der bisherigen Studien hingewiesen werden, die mit den hohen Anforderungen der wissenschaftlichen Medizin nicht mithalten können. Für sogenannte "besondere Therapierichtungen" wie die Anthroposophische Medizin gelten in Deutschland andere Vorgaben als für die klassische Schulmedizin. Die dort angebotenen Heilmittel müssen nicht die strengen Anforderungen und Qualitätsprüfungen von Arzneimitteln erfüllen und auch nicht von den europäischen Arzneimittelbehörden zugelassen werden. So können sie ohne echten Wirksamkeitsnachweis auf den Markt gelangen und angepriesen werden.

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Dass "natürliche" und "milde" Mittel Anklang bei vielen Menschen mit Krebs finden, die offen für jeden kleinen Hoffnungsschimmer sind, ist verständlich. Dennoch sollte man die Angebote nicht unkritisch hinnehmen. Auch Pflanzen enthalten Wirkstoffe, die mit anderen Therapien interagieren können und sich nicht mit allen Medikamenten vertragen.

Daher sollten Sie eine Misteltherapie nicht ohne Absprache mit Ihrem Arzt beginnen. Vielleicht kann sie ergänzend sinnvoll sein und Ihnen manche Beschwerden erleichtern. Wenn nichts dagegen spricht, kann es manchmal durchaus einen Versuch wert sein, parallel zur "klassischen" Medizin, die die Grundlage der Behandlung bleibt, etwas anderes auszuprobieren. Aber besprechen Sie es mit Ihrem Arzt und lassen sich vom ihm beraten.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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