Stimmt es, dass Menschen mit Borderline-Störung oft noch weitere Krankheiten aufweisen?

Ja, Menschen mit der Persönlichkeitsstörung haben häufig weitere Erkrankungen und damit gleich mehrere Diagnosen. Depressionen, Drogenmissbrauch und Abhängigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen, Angst- und Panikstörungen sowie Essstörungen und eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kommen bei Borderline sehr oft begleitend vor.

Im Dickicht der Symptome

Es ist schon nicht leicht, eine Persönlichkeitsstörung korrekt zu diagnostizieren. Sie von anderen Erkrankungen abzugrenzen, stellt eine echte Herausforderung für den Therapeuten dar.

Das liegt daran, dass die Züge einer Persönlichkeit auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen verändert sein können. Außerdem ist jeder Mensch je nach persönlicher Veranlagung für die eine oder andere Krankheit mehr oder weniger anfällig, ohne dass die Grundzüge seiner Persönlichkeit gleich krankhaft sein müssen.

Es gilt also, "normale" Charakterzüge von einer echten Störung der Persönlichkeit wie auch von Symptomen einer anderen Erkrankung abzugrenzen. Und schließlich können auch unterschiedliche Formen von Persönlichkeitsstörungen gleichzeitig auftreten.

Einfach nur schlecht drauf oder depressiv?

Man geht davon aus, dass etwa 2/3 der Patienten mit Persönlichkeitsstörungen unter weiteren psychiatrischen Erkrankungen leiden. Bei "Borderlinern" zählen zu diesen sog. Komorbiditäten vor allem depressive Störungen, aber auch oft Ess- und Abhängigkeitsstörungen sowie Störungen der Impulskontrolle wie ADHS.

Wenn man sich die einzelnen Symptome dieser Erkrankungen vergegenwärtigt, wird klar, wie eng sie beieinanderliegen. Dass ein "Borderliner", der gerade einen heftigen Streit mit einem guten Freund hatte und mal wieder das Gefühl hat, sein Leben nicht auf die Reihe zu bekommen, depressiv verstimmt ist, ist nachvollziehbar. Ebenso, das er sich in der Folge in Alkohol oder Drogen flüchtet, um sich angesichts seines vermeintlich verkorksten Lebens zu betäuben. Das zeitweise aufbrausende und oft auch selbstschädigende Verhalten von Borderlinern wiederum kann auch ein Symptom der ADHS sein.

Die Symptome müssen daher zunächst richtig zugeordnet werden. Dann ist zu klären, welche Krankheit als erste auftrat und welche sich erst später entwickelt hat. Dies muss in ausführlichen Gesprächen mit den Betroffenen, aber auch mit Angehörigen und nahestehenden Personen erörtert werden. Für die Therapie ist nämlich entscheidend, "wo der Hund begraben liegt", was also der Kern des Problems ist und wann es angefangen hat.

Für jede Erkrankung die richtige Therapie

Andere zusätzlich vorkommende Krankheiten müssen bei der Behandlung natürlich berücksichtigt werden, da sie den Behandlungserfolg stark beeinflussen können. So lässt sich zum Beispiel eine Borderline-Störung kaum bessern, wenn eine Suchterkrankung außer Acht gelassen wird. Eine zusätzliche depressive Störung erfordert womöglich eine begleitende medikamentöse Therapie. Für die Persönlichkeitsstörung selbst stehen psycho- und soziotherapeutische Verfahren im Vordergrund. So muss für jeden Betroffenen ein individuelles umfassendes Therapiekonzept gefunden werden.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Eva Bauer (Ärztin)

Anzeigen