Ist die Untersuchung zur Früherkennung des Grünen Stars ärztliche Abzocke?

Viele Augenärzte bieten eine Untersuchung zur Früherkennung des Grünen Stars (Glaukom) an und empfehlen sie als regelmäßige Maßnahme im Abstand von 2-3 Jahren ab dem 40. Lebensjahr. Die Glaukom-Untersuchung ist mittlerweile zu einer der häufigsten IGeL-Leistungen in deutschen Praxen geworden. IGeL steht für Individuelle Gesundheitsleistung und bedeutet, dass man das ärztliche Angebot selbst bezahlen muss.

Krankenkasse zahlt nur bei Krankheitsverdacht

Von der gesetzlichen Krankenversicherung wird die Untersuchung nur bezahlt, wenn ein konkreter Glaukom-Verdacht vorliegt. Begründet wird das damit, dass nicht klar ist, ob der Nutzen dieser Früherkennungsmaßnahme den möglichen Schaden tatsächlich überwiegt. Abgesehen von unangenehmen Empfindungen und einem eventuellen Infektionsrisiko bei der Augenuntersuchung geht es dabei vor allem um falsche Diagnosen. Mit diesen ist grundsätzlich bei jeder Früherkennungsmaßnahme zu rechnen, etwa auch beim berühmt-berüchtigten Mammografie-Screening auf Brustkrebs.

Mögliche Fehldiagnosen: falschpositiv und falschnegativ

Möglich sind zwei Arten von falschen Diagnosen: Bei einer falschpositiven Diagnose geht man fälschlicherweise von einem Glaukom aus, obwohl gar keines besteht. Unnötige weitere diagnostische und eventuell sogar therapeutische Schritte, die immer auch Nebenwirkungen und Risiken haben können, sind die Folge. Bei einer falschnegativen Diagnose dagegen wird ein tatsächlich bestehender Grüner Star übersehen und der Betroffene wiegt sich in falscher Sicherheit.

Überwiegender Nutzen wahrscheinlich, aber nicht belegt

Immer dann, wenn ein Grüner Star mit einer Früherkennungsuntersuchung aufgedeckt wird, hat sie sich nach medizinischen und ethischen Maßstäben gelohnt. Gleiches gilt, wenn die Augengesundheit zuverlässig bestätigt wurde. Beides dürfte insgesamt die Fehldiagnosen zahlenmäßig überwiegen. Ob damit dann auch den nicht immer transparenten, oft aber finanziell dominierten Interessen der Krankenkassen gedient ist, steht möglicherweise auf einem anderen Blatt.

Bei einer korrekten Glaukom-Untersuchung, die mehr umfassen muss als die bloße Messung des Augeninnendrucks, kann man deshalb schlecht von Abzocke sprechen. Allein, es fehlen immer noch wissenschaftliche Studien, die diese Annahme belastbar belegen.

Autor: Dr. Hubertus Glaser

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