Schützt Dreck vor Allergien und Asthma?

Darüber wird seit Jahren heftig gestritten. Fest steht, dass Kinder, die in eher unhygienischer Umgebung aufwachsen, seltener Allergien und allergisches Asthma bekommen. Das gilt sowohl für Kinder in Entwicklungsländern (Asthma ist vor allem eine Erkrankung der modernen Industrienationen) als auch für Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden.

Warum das so ist, ist aber noch nicht wirklich klar. Es gibt viele Vermutungen und Erklärungsansätze, aber noch keine Beweise. Dennoch verdichten sich die Hinweise in folgende Richtung:

Erklärungsansätze rund um die Hygiene

  • Um so weniger Kinder sich mit Mikroorganismen wie Bakterien und Viren herumschlagen müssen, um so eher bekommen sie Allergien und Asthma. Weil das Immunsystem nicht ausreichend trainiert wird und dann auf banale Umweltstoffe überreagiert. Asthma ist demzufolge eine Folge der Über-Hygiene, in der unsere Abwehrzellen "verweichlichen".
  • In die gleiche Richtung geht ein weiterer Erklärungsansatz: Die Antibiotika sind schuld. Weil wir sie zu umfangreich einsetzen, also nicht nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. In dem wir selbst harmlose Infekte breitflächig mit Antibiotika ausmerzen, wird der Kontakt zu Erregern unterbunden, die das Immunsystem eigentlich als Training braucht.
    Ein Beispiel sind die sogenannten Magenkeime aus der Familie "Helicobacter". Seit man weiß, dass die für Magengeschwüre verantwortlich sein können, werden sie erfolgreich mit Antibiotika vertrieben. Oft auch ohne Not, also ohne dass überhaupt Beschwerden vorliegen. Helicobacter ist aber in der Regel ein völlig harmloser Mitbewohner im Magen. Der möglicherweise dem Immunsystem sogar gut tut.

Haushalts-Sprays erhöhen Asthma-Risiko

Eine aktuelle, europaweite Studie stützt die Hygiene-Theorie: Bei über 4.000 beobachteten Teilnehmern zeigte sich, dass der regelmäßige Einsatz von Haushaltssprays das Asthma-Risiko deutlich erhöht. In Haushalten, in denen einmal pro Woche solche Sprays zur Reinigung von Fenstern, Möbeln, Öfen oder auch einfach nur der Raumluft zum Einsatz kommen, erkranken die Bewohner demnach um 40% häufiger an Asthma. Bei einem Spray-Einsatz alle zwei Tage steigt die Risikozunahme gar auf 70%. Das betrifft natürlich vor allem die Kinder in solchen Haushalten.

Die Studie konnte nicht beantworten, ob das an den Chemikalien in den Sprays oder an der entstehenden Sauberkeit lag, aber einiges spricht für letzteres.

Nun kann man natürlich nicht seine Wohnung verdrecken lassen und komplett auf Antibiotika verzichten, um einen mittelalterlichen Zustand ohne Allergien und Asthma wiederherzustellen. Damals starben die Menschen sehr viel früher als wir heute, unter anderem weil man Infekten völlig schutzlos ausgeliefert war. Aber ein etwas bewussterer Umgang mit dem Thema Sauberkeit und Hygiene und eine gewisse Lockerheit, wenn das Kind im Dreck spielt, ist wahrscheinlich sinnvoll.

Autor: Dr. med. Jörg Zorn

Alle Fragen und Antworten dazu finden Sie hier:
Asthma: Grundlagen und Ursachen

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