Widersprechen sich Schulmedizin und ganzheitliche Medizin?

Ganzheitliche Medizin ist keine bessere oder schlechtere Medizin als die klassische Schulmedizin, sie ist schlichtweg eine andere Medizin. Ideal wäre es, die großen gemeinsamen Ressourcen von klassischer Schulmedizin und Ganzheitsmedizin zu nutzen.

Ein scheinbarer Widerspruch entsteht hier und da durch die unterschiedlichen Blickwinkel. Zum Teil gibt es auch kontroverse Auffassungen darüber, wie sich Leben aufbaut und woraus sich die Natur erklärt. In den Augen extremer Schulmedizin und extremer ganzheitlich orientierter Medizin gibt es dadurch unüberwindliche Widersprüche. Im Großteil der medizinischen Praxis herrscht allerdings eine stille Koexistenz, zunehmend gibt es auch eine offene und produktive Zusammenarbeit.

Schulmedizin: Fortschritt durch Detailwissen

Die Schulmedizin hat in den letzten Jahrzehnten ungeheure Fortschritte dadurch errungen, dass sie durch die wissenschaftliche Forschung immer mehr ins Detail gegangen ist und gewissermaßen den Körper in immer kleinere Stückchen fragmentiert hat. Der Fokus wurde immer enger und schärfer gestellt, zum Beispiel vom Körper auf einzelne Organe, auf die Zellen, auf die Zellbestandsteile, auf die Zellproteine, auf die Botenstoffe, auf die Biochemie einzelner Botenstoffe, bis zum einzelnen Gen. Auch Fachärzte spezialisieren sich innerhalb ihres Gebietes immer weiter auf einzelne diagnostische und therapeutische Verfahren. Diese Arbeit rettet täglich vielen Menschen das Leben oder bewahrt sie vor schweren Leiden.

Ganzheitliche Medizin: betrachtet die Zusammenhänge

Die ganzheitliche Medizin hat zum Teil Jahrtausende alte Wurzeln aus verschiedenen Kulturkreisen. Sie arbeitet anders, sie setzt viele kleine individuelle Details Stück für Stück zu einem großen individuellen Ganzen zusammen. Alle Teile bleiben dabei miteinander verknüpft. Nicht einzelne Veränderungen sind entscheidend. Erfasst, gesehen und in Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden körperliche, emotionale, soziale, mentale und auch geistig-seelische Aspekte und Fähigkeiten sowie auch die Verbindungen untereinander.

Körperliche Symptome werden nur als „Spitze von einem Eisberg“ betrachtet, das was sie formt und prägt (und wohin der ganzheitliche Blick geht) liegt verborgen darunter. Im Idealfall werden im Körper Voraussetzungen geschaffen, dass Heilung von Grund auf nachhaltig geschehen kann.

Beides wichtig und wertvoll

So gesehen widersprechen sich Schulmedizin und ganzheitliche Medizin keineswegs, sie bewegen sich gewissermaßen nur auf zwei völlig verschiedenen Seiten einer Medaille, und dies – bildlich gesprochen – auch noch in unterschiedlich langen Traditionen mit unterschiedlichen Techniken und Hilfsmitteln. Jede Seite ist aber filigran und sorgsam gearbeitet sowie in sich schlüssig. Richtig zusammengesetzt sind sie ein wertvoller Gewinn für den erkrankten Menschen.

Autorin: Dr. med. Barbara Scholtissek, Praxis Ganzheitliche Medizin / Psychosomatik / Psychoonkologie in München

Haben Sie eigene Erfahrungen oder eine andere Meinung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar (bitte Regeln beachten).
Anzeigen