Mein Arzt findet nichts und schickt mich zum Psychologen oder Psychosomatiker. Meint er, dass ich spinne?

Aus Sicht der ganzheitlichen Medizin erzeugt die Schulmedizin viel Schaden, Leid und sogar Kosten dadurch, dass sie – selbst wenn auch nicht direkt ausgesprochen – zwischen „richtigen (körperlichen) Erkrankungen“ und „psychosomatischen Erkrankungen“ unterscheidet. Diese fatale Trennung ist ein Produkt der modernen Organmedizin, der Apparategläubigkeit und dem vermeintlich wissenschaftlichen Fokus auf messbare Befunde.

Wenn einem der Arzt mitteilt, bei "Ihnen ist nichts zu finden“ und Ihre Beschwerden sind daher „psychosomatisch“ bedingt, fühlt man sich zurecht unverstanden und in seinen Beschwerden nicht ernst genommen. Ein dann auch noch ungeschickt formulierter Rat, zu einem Psychologen oder Psychosomatiker zu gehen, löst in den meisten Fällen Unverständnis, Empörung oder sogar Hilflosigkeit aus. Man fühlt sich instinktiv dazu abgestempelt, sich die Erkrankung lediglich einzubilden.

Aus Sicht der ganzheitlichen Medizin eine grobe Fehleinschätzung

Da in der ganzheitlichen Medizin Körper, Geist und Seele untrennbar miteinander verbunden sind, kann es eine derartige Abspaltung von „psychosomatischen Erkrankungen“ nicht geben. ALLE Erkrankungen, egal ob sie sich „nur“ in Beschwerden äußern oder sich auch mit messbaren Befunden im Körper manifestiert haben, sind Ausdruck einer Dysbalance in Körper und Geist und Seele. Damit – und das ist die Chance – sind auch alle Erkrankungen einer psychosomatischen bzw. ganzheitlich orientierten Behandlung zugänglich.

In diesem Sinne wäre es sehr wünschenswert, wenn der Psychosomatiker/ganzheitliche Mediziner nicht nur zur Rate gezogen wird, wenn „man nichts findet“ oder in der Schulmedizin gar nicht mehr weiter weiß, sondern auch bei Erkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck, Asthma, Rheuma, Depression, Krebs und Magengeschwür.

Schulmedizin an ihren Grenzen

Der Arzt, der Sie zum Psychosomatiker geschickt hat, meint sicher nicht, dass Sie spinnen. Er hat Sie gründlich befragt, untersucht und gewissenhaft mit der heute zur Verfügung stehenden Diagnostik durchleuchtet. Ideal aus Sicht der ganzheitlichen Medizin wäre es, wenn er Ihnen dann in einem Gespräch ausführlich erklärt, dass Ihr Körper Ihnen in Form von Beschwerden signalisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist, Ihre Selbstheilungskräfte aber derzeit erfreulicherweise zumindest so gut in Takt sind, dass es keine im Körper (schulmedizinisch) messbaren Entgleisungen gibt. Daher benötigen Sie keine Medikamente oder andere (schulmedizinische) Therapien, worauf er (Ihr Arzt) aber spezialisiert ist.

Der psychosomatisch orientierte Therapeut ist ein gleichwertiger Kollege

Um zu verhindern, dass die Beschwerden fortschreiten, Sie weiter schwächen und Ihre Selbstheilungskräfte aus dem Lot bringen, überweist er Sie zu einem Kollegen, der genau in diese Richtung spezialisiert ist und mit seinen Methoden zeitnah und effektiv helfen kann. Kein besserer oder schlechterer Kollege, einfach ein anderer mit anderen Kenntnissen.

Nimmt sich der Arzt wirklich Zeit für diese Erklärung und bringt im Gespräch auch mitfühlendes Verständnis entgegen, können von Anfang an irritierende und schädliche Missverständnisse verhindert werden, und einem frühen Beginn einer wirksamen Therapie steht nichts im Wege.

Autorin: Dr. med. Barbara Scholtissek, Praxis Ganzheitliche Medizin / Psychosomatik / Psychoonkologie in München

Haben Sie eigene Erfahrungen oder eine andere Meinung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar (bitte Regeln beachten).
Anzeigen