Omega-3-Fettsäuren und Schlaganfall

Ein Schlaganfall bereitet den meisten Menschen weniger Angst als ein Herzinfarkt. Das ändert sich erst, wenn man einen erlebt hat oder als Angehöriger damit zu tun bekommt. Dann wird klar, dass die Folgen einer akuten Durchblutungsstörung im Gehirn genauso verheerend sein können wie am Herzen.

Hat man das Ereignis halbwegs gut überstanden, ist die langwierige Reha endlich abgeschlossen, kann es dann nur noch ein Ziel geben: dass man ein „zweites Mal“ verhindert. Dabei spielt, wie man mittlerweile weiß, auch die Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren eine bedeutende Rolle.

Gefährlich wird's, wenn das Gefäß dicht ist

Zunächst einmal zurück zu den Ursachen des Schlaganfalls: Es ist ein wenig wie bei einem Schlauch. Wenn er noch neu und tadellos ist, von innen glatt und frei durchgängig, dann rauscht die Flüssigkeit ungehindert hindurch. Mit der Zeit setzen sich aber Reste ab, das Gummi wird spröde. Dann kann es passieren, dass sich der Schlauch immer mehr zusetzt. Wenn die Flüssigkeit dann noch kleinere oder größere Klumpen enthält, klingeln die Alarmglocken. Denn bleibt so ein Brocken stecken, dann ist der Schlauch schließlich komplett verstopft. So oder so ähnlich kann es in den Hirngefäßen passieren.

Mit Ernährung gegen Arteriosklerose kämpfen

Das große Schreckgespenst, das über all dem schwebt, heißt Arteriosklerose. Sie ist nicht nur Hauptursache des Herzinfarkts, sondern eben auch des Schlaganfalls.
Kleiner Einschub: Daneben gilt auch Vorhofflimmern als ein wesentlicher Risikofaktor für einen Schlaganfall, weil bei dieser Herzrhythmusstörung der Blutfluss im Herzen unrund läuft, Wirbel bildet und sich hier kleine Gerinnungsblutbrocken bilden können – die dann im schlimmsten Fall Richtung Hirn gespült werden und dort eine zuführende Arterie verstopfen.

Zurück zur noch häufigeren Arteriosklerose. Der Begriff bedeutet so viel wie „verhärtete Adern“. Wenn wir uns das Bild des Schlauches noch einmal vor Augen führen, ist es bei der Arteriosklerose ganz ähnlich: Die inneren Wände werden rauer und verlieren an Geschmeidigkeit. Irgendwann bilden sich an solchen rauen Stellen kleine Ablagerungen, die langsam immer voluminöser werden. Diese Plaques können das Gefäß auf lange Sicht auch komplett verstopfen.

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die dabei eine Rolle spielen: zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte und Rauchen. Abzunehmen und nicht zu rauchen, das klingt einfach, zumindest solange man dem Arzt gegenüber sitzt, ist aber leider im wirklichen Leben oft ausgesprochen schwierig, weil damit über Jahrzehnte liebgewonnene Gewohnheiten abgewöhnt werden müssen.  Bei den anderen Risikofaktoren gibt es glücklicherweise – neben Medikamenten – einige weitere Tricks, um sie positiv zu beeinflussen. Sie ahnen es sicher schon: Es geht um die Ernährung.

Mehr Fisch mit Omega-3-Fettsäuren, weniger Fleisch und Eier

Und dabei müssen Sie sich gar nicht besonders kasteien. Versetzen Sie sich gedanklich in ein Land am Mittelmeer. Zum Abendessen gibt es Oliven, Fisch, Gemüse, danach vielleicht noch etwas Obst. Und schon haben Sie etwas für Ihre Gefäße getan und das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie den Schlaganfall gemindert (Estruch et al. 2013). Nehmen wir den Fisch: Im günstigsten Fall hat er einen hohen Anteil bestimmter, wertvoller Omega-3-Fettsäuren zu bieten (und den Fisch gibt's natürlich auch so, wenn Sie nicht am Mittelmeer sind; oder Sie nehmen gezielt Ergänzungsmittel mit Fischöl). Herunterfahren oder reduzieren sollten Sie dagegen Mahlzeiten mit rotem Fleisch, Innereien und Eiern, weil sie mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden sind (Boeing et al. 2012; O'Donnell et al. 2012).

Omega-3-Fettsäuren halten die Gefäße geschmeidig

Zurück zu den Omega-3-Fettsäuren. Sie werden in die Zellmembranen eingebaut und haben die Besonderheit, dass sie auch bei sehr niedrigen Temperaturen flüssig bleiben (deshalb sind vor allem die Kaltwasserfische ganz scharf auf diese Fettsäuren und ernähren sich von Omega-3-haltigen Algen). Das hat mehrere Effekte. Zum einen kommt das den roten Blutkörperchen zugute, die sich besser und flexibler verformen und gegebenenfalls auch durch verengte Gefäße hindurchquetschen können. Zum anderen tragen die Omega-3-Fettsäuren dazu bei, dass die Gefäßwände elastisch bleiben.

Arteriosklerotische Plaques bleiben stabiler

Hat sich die Gefäßinnenwand so verändert, dass sich dort sogenannte Plaques (also Ablagerungen aus Blutfetten, Bindegewebe usw.) gebildet haben, besteht die Gefahr, dass diese aufbrechen. Wenn das geschieht, werden Gerinnungsfaktoren freigesetzt. Das führt dazu, dass das Gefäß enger wird. Dieser Vorgang kann gebremst werden, wenn Omega-3-Fettsäuren zur Verfügung stehen. Sie werden in die arteriosklerotischen Plaques eingebaut und stabilisieren die Kapsel so, dass sie nicht so leicht aufgeht (Thies et al. 2003). Abgesehen davon bremsen die Omega-3-Fettsäuren generell die Blutgerinnung: Die zuständigen Blutplättchen verkleben nicht so schnell, das Blut bleibt also besser im Fluss.

Blutzucker und Blutdruck normalisieren sich

Die Zellen selbst wiederum werden durch die Omega-3-Fettsäuren wohl wieder so sensibilisiert, dass die Rezeptoren besser auf Insulin reagieren und den Zucker vom Blut ins Zellinnere schleusen. Das ist vor allem für diejenigen wichtig, die an der häufigen Diabetes-Form leiden, bei der sich die Rezeptoren vom Insulin kaum noch beeindrucken lassen. Insofern unterstützen mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie die Omega-3-Fettsäuren eine Diabetes-Therapie oder sorgen dafür, dass die Erkrankung gar nicht erst entsteht (Meyer et al. 2001; Salmerón et al. 2001). Außerdem haben Studien ergeben, dass die Omega-3-Fettsäuren dazu beitragen, den Blutdruck zu regulieren. Die Gefäße können also aufatmen, weil nicht ständig ein hoher Druck auf sie einwirkt (Miller et al. 2014).

Herz bleibt im Takt

Nun ist es so, dass ein Blutgerinnsel oft nicht direkt im Gehirn entsteht, sondern beispielsweise in der Halsschlagader oder im Herzen. Von dort aus wandert es weiter, bis es in den schmaleren Verästelungen der Hirngefäße stecken bleibt. Kommt das Gerinnsel aus dem Herzen, so verbirgt sich häufig Vorhofflimmern dahinter. Dadurch kann das Herz nicht mehr reibungslos arbeiten, ein Teil des Blutes staut sich in den Vorhöfen und verklumpt dort. Das Vorhofflimmern ist eine Herzrhythmusstörung. Und da sind wir wieder beim Thema Omega-3-Fettsäuren: Sie normalisieren – so Forscher – den Herzrhythmus (z.B. Leaf et al. 2003; Mozaffarian D & Rimm EB 2006; Singer P & Wirth M 2004).

In Erhebungen weniger Schlaganfälle

Sie sehen schon, die Omega-3-Fettsäuren sind vielseitig begabt. In der Summe führt all das dazu, dass einigen Studien zufolge Gefäßverschlüsse im Gehirn seltener auftreten (Iso et al. 2002; Suda et al. 2013). Oder umgekehrt ausgedrückt: Menschen mit einem höheren Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren im Blut sind offenbar besser vor einem solchen Schlaganfall geschützt. Ähnliche Ergebnisse liefert auch eine Analyse, in der mehrere Studien mit insgesamt mehr als 200.000 Probanden ausgewertet wurden (He et al. 2004). Demnach zeigte sich schon bei denjenigen, die ein- bis dreimal pro Monat (!) Fisch aßen, ein geringeres Schlaganfallrisiko als bei denjenigen mit bis zu einer Fischmahlzeit monatlich.

Möglicherweise auch Schutz vor weiterem Schlaganfall

Die positiven Effekte der Omega-3-Fettsäuren auf die verschiedenen Risikofaktoren lassen vermuten, dass die Fettsäuren auch dann vorbeugend wirken, wenn Sie schon einen Schlaganfall hatten und einen weiteren verhindern wollen. Allerdings gibt es zu der Frage bisher zu wenige Daten. Auf Schlaganfälle, die nicht durch einen Verschluss, sondern durch eine Hirnblutung entstehen, scheinen die Omega-3-Fettsäuren wiederum keinen besonderen Einfluss zu haben. Das ist aber auch klar, weil hier im Normalfall keine Arteriosklerose im Spiel ist.

Wertvolle Omega-3-Fettsäuren in Fisch, Fischöl und Algen

Beachten sollten Sie, dass die sehr wichtigen und vor allem biologisch aktiven Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) als solche hauptsächlich in fettem Kaltwasserfisch, speziellen Algen und Krill vorkommen. In bestimmten Pflanzenölen wie Lein- oder Chiaöl ist zwar eine weitere Omega-3-Fettsäure, die Alpha-Linolensäure (ALA), enthalten. Sie ist aber nur eine Vorstufe der anderen beiden, muss also erst in diese umgewandelt werden, was der Organismus lediglich zu einem kleinen Anteil kann. Daher ist es ratsam, tatsächlich gezielt fettreiche Kaltwasserfische wie Lachs, Makrele, Hering oder Thunfisch zu essen oder daraus gewonnene Öle oder Kapseln zu nehmen. Wer sich mit Fisch nicht so anfreunden kann, für den gibt es auch pflanzliche Algenöle.

Autoren: Anna Brockdorff & Dr. med. Jörg Zorn

Studien & Quellen:

  • Boeing H, Bechthold A, Bub A, Ellinger A, Haller D, Kroke A, Leschik-Bonnet E, Müller MJ, Oberritter H, Schulze M, Stehle P, Watzl B: Critical review: vegetables and fruit in the prevention of chronic diseases. 2012.
  • Estruch R, Ros E, Salas-Salvadó J, Covas MI, Corella D, Arós F, Gómez-Gracia E, Ruiz-Gutiérrez V, Fiol M, Lapetra J, Lamuela-Raventos RM, Serra-Majem L, Pintó X, Basora J, Muñoz MA, Sorlí JV, Martínez JA, Martínez-González MA; PREDIMED Study Investigators: Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet. 2013.
  • He K, Song Y, Daviglus ML, Liu K, Van Horn L, Dyer AR, Goldbourt U, Greenland P: Fish consumption and incidence of stroke: a meta-analysis of cohort studies. 2004.
  • Iso H, Sato S, Umemura U, Kudo M, Koike K, Kitamura A, Imano H, Okamura T, Naito Y, Shimamoto T: Linoleic acid, other fatty acids, and the risk of stroke. 2002.
  • Leaf A, Kang JX, Xiao YF, Billman GE: Clinical prevention of sudden cardiac death by n-3 polyunsaturated fatty acids and mechanism of prevention of arrhythmias by n-3 fish oils. 2003.
  • Meyer KA, Kushi LH, Jacobs DR Jr, Folsom AR: Dietary fat and incidence of type 2 diabetes in older Iowa women. 2001.
  • Miller PE, Van Elswyk M, Alexander DD: Long-chain omega-3 fatty acids eicosapentaenoic acid and docosahexaenoic acid and blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials. 2014.
  • Mozaffarian D, Rimm EB: Fish intake, contaminants, and human health: evaluating the risks and the benefits. 2006.
  • O'Donnell MJ, Xavier D, Liu L, Zhang H, Chin SL, Rao-Melacini P, Rangarajan S, Islam S, Pais P, McQueen MJ, Mondo C, Damasceno A, Lopez-Jaramillo P, Hankey GJ, Dans AL, Yusoff K, Truelsen T, Diener HC, Sacco RL, Ryglewicz D, Czlonkowska A, Weimar C, Wang X, Yusuf S; INTERSTROKE investigators: Risk factors for ischaemic and intracerebral haemorrhagic stroke in 22 countries (the INTERSTROKE study): a case-control study. 2010.
  • Salmerón J, Hu FB, Manson JE, Stampfer MJ, Colditz GA, Rimm EB, Willett WC: Dietary fat intake and risk of type 2 diabetes in women. 2001.
  • Singer P, Wirth M: Can n-3 PUFA reduce cardiac arrhythmias? Results of a clinical trial. 2004.
  • Suda S, Katsumata T, Okubo S, Kanamaru T, Suzuki K, Watanabe Y, Katsura K, Katayama Y: Low serum n-3 polyunsaturated fatty acid/n-6 polyunsaturated fatty acid ratio predicts neurological deterioration in Japanese patients with acute ischemic stroke. 2013.
  • Thies F, Garry JM, Yaqoob P, Rerkasem K, Williams J, Shearman CP, Gallagher PJ, Calder PC, Grimble RF: Association of n-3 polyunsaturated fatty acids with stability of atherosclerotic plaques: a randomised controlled trial. 2003.
Anzeigen