EHEC: Ist der Mensch der Überträger?
Bereits 29 Todesopfer in Deutschland zählt die EHEC-Seuche. Doch noch immer ist nicht geklärt, woher die Infektion stammt. Ob Gurken, Tomaten, Salat oder Sprossen das Bakterium transportieren – das große Rätselraten ist längst nicht beendet. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster vermuten mittlerweile, dass das Reservoir der aktuellen EHEC-Ausbruchsstamm HUSEC041 (O104:H4) der Mensch ist.
Gefunden wurde EHEC bisher nur am Menschen, nicht bei Tieren
„Zum jetzigen Zeitpunkt liegt mir und dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kein Nachweis vor, dass zu HUSEC041 gehörende EHEC-Isolate des Menschen bei Tieren festgestellt wurden und diese dauerhaft kolonisieren können. Der sich jetzt ausbreitende Erreger ist bislang nur beim Menschen nachgewiesen worden. Dies gilt übrigens auch für eng mit ihm verwandte Stämme, die den enteroaggregativen Geno- und Phänotyp zeigen und Shiga-Toxin produzieren.
HUSEC041 ist nicht der einzige Stamm in der 42 Stämme umfassenden HUSEC-Referenzkollektion am Institut für Hygiene, der diese Eigenschaften aufweist. Darüber hinaus haben wir bereits 1998 zusammen mit Kollegen aus Frankreich und Italien Stämme eines HUS-Ausbruchs beschrieben, bei dem entereoaggregative E. coli (EAEC) Shiga-Toxin 2 gebildet haben,“ betont Prof. Dr. Dr. h.c. Helge Karch, Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster (UKM).
Wissenschaftliche Stammeskunde
Der jetzige Ausbruchsstamm und der zehn Jahre alte HUSEC041, aber auch andere Stämme aus der HUSEC-Referenzstammsammlung, zeigen das gleiche Adhärenzmuster („Anheftungsmuster“) an Darmzellen. Auch außerhalb des Körpers kleben sie an allen Oberflächen, weil sie ausgezeichnete Biofilmbildner sind. „ Bei dem jetzigen Ausbruchsstamm von einer Neuentwicklung zu sprechen, halte ich daher für nicht angemessen“, reklamiert Karch.
Zum jetzigen Zeitpunkt müsse davon ausgegangen werden, dass der Ausbruchsstamm ein Reservoir im Menschen hat. „Innerhalb der Serogruppe O104 sind uns drei H-Antigentypen (H7, H12, H21) bekannt, die Shiga-Toxine produzieren und bei Tieren (Schaf, Rind) vorkommen. Im Gegensatz dazu ist ein vierter Geißeltyp (H4) und der Sequenztyp 678 innerhalb der Serogruppe O104, also der jetzige Ausbruchsstamm HUSEC041, jedoch bis heute noch nie bei Tieren gefunden worden. Oder er hat erst in jüngster Zeit die Speziesbarriere überschritten und ist auf Tiere übergegangen. Dies ist eher unwahrscheinlich, wird aber aktuell von meinem Kollegen Prof. Lothar Wieler in Berlin nochmals abgeklärt“, sagt Karch.
Übertragung über menschliche Fäkalien?
Angesichts des Ausbreitungsmusters der Erkrankungsfälle in Deutschland sei es jedoch nahezu auszuschließen, dass die Infektionen nur über Kontakt von Mensch zu Mensch über Schmierinfektionen erfolgen. Karch: „Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass auch andere Infektionsträger, die z.B. über menschliche Fäkalien kontaminiert wurden, eine Bedeutung haben. Diese möglichen Infektionsträger müssen natürlich gefunden werden. Das wäre nicht das erste Mal bei einem EHEC: Denn er kann, wie viele anderer enteritische Krankheitserreger, über menschliche Fäkalien in die Umwelt eingetragen werden.“
WANC 10.06.2011
Quelle: Institut für Hygiene, Universität Münster
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