EHEC: Die große Angst
Ein neues Angstwort geht um: EHEC. Hinter dem Kürzel versteckt sich das "Bakterium Enterohämorrhagische Escherichia coli". Es kann, wenn es im Darm eines Menschen ankommt, dort Giftstoffe produzieren. Und die können krank machen – und zwar lebensgefährlich krank.
„Mehr als 300 EHEC-Fälle“ meldet n-tv. „Mysteriöse Seuche: Darmkeim Ehec grassiert in Deutschland” schreibt der Spiegel. „EHEC-Infektionen breiten sich aus” warnt die Süddeutsche und „Krankheit kann in schweren Fällen tödlich verlaufen” unkt die Nordwest-Zeitung. Über 2.000 Meldungen zu EHEC zeigt Google und damit die Beunruhigung, Sorge, ja vielleicht Angst, die sich um EHEC ranken.
Ungewöhnlich heftiger Verlauf
Ganz unberechtigt scheint das alles nicht. Selbst Experten wie Helge Karch vom Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster sind überrascht. In einem “Zeit”-Interview gab er zu: “Ich erforsche das Krankheitsbild seit fast 30 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Normalerweise sind solch schwere Verläufe extrem selten. Das Ausmaß hat mich schon erschüttert.”
Die Zahlen geben Karch recht. Bis jetzt (23.5.11) wurden mehr als 300 Erkrankungen oder Verdachtsfälle registriert. Die Infektion grassiert bisher vor allem in Norddeutschland. Aber es gibt auch schon die ersten Erkrankten in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bayern und im Saarland. Die Zahl der schweren Verläufe in einem kurzen Zeitraum sei "sehr ungewöhnlich", erklärte das Robert-Koch-Institut (RKI). Sonst verzeichnet das Institut zwischen 925 und 1.183 Krankheitsmeldungen im gesamten Jahr.
Vor allem Frauen betroffen
Noch eines ist neben der hohen Zahl der Neuinfizierten ungewöhnlich. Bei früheren Epidemien traf es vor allem Kinder, das Durchschnittsalter der Erkrankten lag bei vier Jahren. Und beide Geschlechter waren annähernd stark betroffen. Jetzt trifft es überwiegend Erwachsene und Frauen.
Die Betroffenen sind oft schwer erkrankt. Wie mehrere Quellen melden, müssen einige künstlich beatmet werden, mehrere kämpfen um ihr Leben. Was ist EHEC, was macht es so gefährlich?
Das "Bakterium Enterohämorrhagische Escherichia coli" ist ein gefährliches, weil es hoch infektiös ist. Es wird von Tieren oder tierischen Lebensmitteln auf den Menschen übertragen. Das kann also beim direkten Kontakt mit Tieren erfolgen oder aber beim Verzehr von rohem oder nicht vollständig gegartem Fleisch, frischer Mettwurst, Rohmilch und Firschkäse. Bei den vorliegenden Fällen soll allerdings ungewaschenes Gemüse das Unheil verursacht haben. Experten vermuten, dass der Erreger durch das Gülle-Düngen von Obst und Gemüse in den Nahrungskreislauf gelangt sein könnte.
Gefährlich sind die vom Bakterium gebildeten Giftstoffe
EHEC setzt sich im Darm des Menschen fest und beginnt dann, Giftstoffe zu produzieren. Nach einer Inkubationszeit von ein bis acht Tagen treten dann Übelkeit, Erbrechen und leichte, wässrige Durchfälle auf.
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beschreibt das Fortschreiten der Erkrankung so: „Bei schwereren Krankheitsverläufen treten blutige Stühle und schmerzhafte Bauchkrämpfe auf. Bei 5-10% der Erkrankten entwickelt sich im Anschluss an die Darmbeschwerden (ca. eine Woche nach Beginn des Durchfalls) ein schweres Krankheitsbild. Es kann durch die Wirkung der EHEC-Gifte zu Blutarmut (verminderte Anzahl von roten Blutkörperchen), zu einer Gefäßschädigung mit Blutgerinnungsstörungen (verminderte Anzahl von Blutplättchen) und zu Nierenfunktionsstörungen kommen, dem sog. hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das in 1-5% der Fälle bei Kindern tödlich verläuft. Auch nach dem Überstehen der akuten HUS-Symptomatik können schwere, bleibende Gesundheitsschäden (Bluthochdruck, Beeinträchtigung der Nierenfunktion) zurückbleiben.“
Behandlung? Antibiotika bringen nichts
Eine richtige Therapie gegen eine EHEC-Infektion gibt es noch nicht. Die Behandlung mit Antibiotika hält das RKI für “nicht angezeigt”, weil diese zu einer Verzögerung der Ausscheidung der Bakterien und zu einer vermehrten Giftstoffbildung führen könne. Wichtigste Maßnahme sei der Ausgleich des Salz- und Flüssigkeitsverlustes.
Bei ganz schweren Fällen könne das Apherese-Verfahren eingesetzt werden, um den Heilungsprozess zu unterstützen, betont die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Das Verfahren, das sonst häufig bei Autoimmunerkrankungen zum Einsatz kommt, eliminiere die schädlichen Stoffe im Blut und ersetze körpereigenes Blutplasma. Wenn die Patienten zeitnah eine solche "Blutwäsche" erhalten, seien lebensbedrohliche Komplikationen wie Hirnödeme und Schäden wie das bleibende Nierenversagen abwendbar.
WANC 24.05.2011
Quelle: Robert Koch Institut, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
