CIMT-Therapie bei progressiver MS: Deutliche Verbesserung der Mobilität durch spezielles Training

„In den Defekt hinein trainieren“: In der Schlaganfall-Behandlung ist das Prinzip schon länger bekannt und erfolgreich im Einsatz. Hierbei wird z.B. bei Lähmung eines Arms bewusst der gesunde Arm verbunden, sodass der Patient zwangsläufig den eingeschränkten anderen Arm nutzen und damit trainieren muss. Der Name dieser Methode ist CIMT (constraint-induced movement therapy, übersetzt etwa: Beschränkungsbedingte Bewegungstherapie).

Bei einer aktuellen Studie bestätigte sich dieser Ansatz nun ebenfalls in der MS-Therapie. Hierbei konnte auch gezeigt werden, dass das Gehirn mithilfe dieser Methode neue Nerven-Verbindungen entwickelt und sich damit in kleinen, aber entscheidenden Teilen sogar selbst wieder aufbaut.

In der vorliegenden Studie wurden 20 Personen mit chronisch progredienter MS in zwei Gruppen geteilt. Die eine bekam über mehrere Wochen verteilt 35 Trainings-Stunden CIMT. Die andere Gruppe erhielt in derselben Stundenzahl andere Behandlungen wie Wassergymnastik, Massage oder Yoga. Das Ziel aller Anwendungen war es, die Alltagsbeweglichkeit der jeweils eingeschränkten Gliedmaßen zu verbessern.

MRT belegt Wiederaufbau der entsprechenden Hirnregion

Nach Abschluss der Bewegungstherapien wurden spezifische Tests zur Messung der Motorik sowie Aufnahmen in der Magnetresonanztomografie durchgeführt. Bei der CIMT-Gruppe zeigten sich nicht nur hochsignifikante (also sehr deutliche) Effekte in der Beweglichkeit und somit auch Selbständigkeit! Es wurde sogar im MRT eine Vergrößerung der entsprechenden Hirnregion (im Neurocortex, also der äußeren Schicht des Hirns) gefunden, was auf eine vermehrte Aktivität im Sinne einer „Neuverkabelung“ hinweist.

Zugrundeliegende Studie:

Randomized Controlled Trial of CI Therapy for Progressive MS: Increased Real-World Function and Neuroplasticity on MRI. Neurology April 8, 2014 vol. 82 no. 10 Supplement S23.007

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

Kommentar: Spezielle Bewegungstherapie fördert Arm und Hirn bei progredienter MS

Diese in der äußerst renommierten US-Fachzeitschrift Neurology publizierte kleine Studie ist von großer Bedeutung. Die CIMT-Methode wird bei Schlaganfall-Patienten schon lange erfolgreich angewendet. Es verwundert eher, dass man den Spagat zu MS-Betroffenen mit ähnlichen neurologischen Ausfällen nicht schon eher hingekriegt hat. Auch wenn nun lediglich 20 Testpersonen in dieser Untersuchung teilnahmen: die Ergebnisse sind eindeutig und decken sich mit diversen anderen neurowissenschaftlichen Resultaten. Positiv zu bemerken ist außerdem, dass der Schwerpunkt dieser Studie auf der Verbesserung der Alltagsbewältigung bei progredienter MS lag. Dieses ist selten genug, aber umso wertvoller.

Erwähnenswert für die Praxis ist außerdem, dass einzelne Elemente der CIMT-Therapie bereits Teil vieler krankengymnastischer Behandlungen sind. Hier kommt es aber offenbar entscheidend auf die Kombination in dieser spezifisch entwickelten Methode an. Es empfiehlt sich also, bei entsprechenden Symptomen auf die Verschreibung genau dieser Methode zu pochen – noch bevor der Neurologe Wassergymnastik und Co verordnet.

Dr. med. Monika Steiner

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Kommentare (2)
Ihre Anfrage
2 Dienstag, den 10. Mai 2016 um 20:30 Uhr
Dr. M. Steiner
Liebe Frau Goltz,
ja, die gezielte Förderung der unteren Extremitäten im Rahmen der CIMT-Therapie gibt es und sie scheint laut diversen Untersuchungen und Praxiserfahrungen offenbar auch guten Erfolg zu haben - selbstverständlich immer abhängig vom individuellen Beeinträchtigungsgrad sowie dem aktuellen Problem.
Mir selbst ist diese Spezifizierung unter dem Begriff „Lower Extremity CI Therapy" - kurz LE-CI Therapy - bekannt. Ich denke, Ihr behandelnder Neurologe kann Ihnen ggf. mit Kontaktadressen zu entsprechenden Therapeuten oder Zentren weiterhelfen.
Alles Gute für Sie und beste Grüße,
Monika Steiner
CIMT-Therapie bei progressiver MS
1 Dienstag, den 10. Mai 2016 um 14:31 Uhr
Ina-Maria Goltz
Sehr geehrte Frau Dr. Steiner,
ich bin an progressiver MS erkrankt. Vorwiegend betroffen ist das linke Bein - verbunden mit Muskelschwäche bis zu Lähmungserscheinungen nach Anstrengung.
Gibt es die CIMT-Therapie auch für die Beine?
Vielen Dank für Ihre Mühe.
Herzliche Grüße
Ina-Maria Goltz
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