Diabetes: Viele Amputationen wären vermeidbar
In Deutschland werden jedes Jahr ca. 28.000 Amputationen wegen eines diabetischen Fußsyndroms durchgeführt. Die Zahl könnte um etwa 10.000 gesenkt werden, wenn erkrankte Füße rechtzeitig entdeckt und richtig behandelt würden.
Viele Amputationen werden notwendig, weil der Diabetes zu einer Störung der Berührungsempfindung (Polyneuropathie) führt und die Patienten das diabetische Fußsyndrom zu spät bemerken. "Jeder Diabetiker sollte deshalb einmal jährlich von seinem Arzt auf eine Polyneuropathie hin untersucht werden", fordern Prof. Heribert Schunkert und Dr. Hans-Peter Lorenzen von der Uni Lübeck in der DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift. Bereits im Jahr 1989 hatten sich Diabetes-Spezialisten aus verschiedenen Ländern in der St. Vincent-Deklaration auf eine Halbierung der Amputationszahlen innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren geeinigt. Erreicht wurde dieses Ziel auch nach fast 15 Jahren nicht.
Regelmäßig auf die Füße gucken
Bei ersten Anzeichen der Erkrankung müsse die Untersuchung jedes Vierteljahr wiederholt werden. Dabei reicht es nicht aus, wenn der Arzt sich den Fuß ansieht (Inspektion): Er muss gezielt die Empfindlichkeit der Füße auf Berührung, Vibration und Temperatur prüfen. Auch eine Prüfung der Fußpulse mit der Doppler-Sonografie gehört zur Routine, da sonst schwerste Erkrankungen auch für den Arzt unerkennbar bleiben.
Die Behandlung strebt danach, Druckstellen zu entlasten und infizierte Wunden sorgfältig zu behandeln. Zur Druckentlastung benötigen viele Diabetiker Schuheinlagen, orthopädische Schuhe oder sogar eine Orthese. Bei fortgeschrittener Erkrankung müssen die Erkrankten zeitweise im Rollstuhl fahren oder bis zur Ausheilung der Wunde sogar das Bett hüten, was allerdings wegen der Thrombosegefahr nicht ohne Risiken ist.
Gute Wundbehandlung von entscheidender Bedeutung
Zur Wundbehandlung werden spezielle Wundauflagen angewendet. Wenn hierdurch keine Wundheilung erzielt wird, greifen die Ärzte auch schon einmal zu unkonventionellen Methoden. Hierzu gehören so genannte "biochirurgische Verfahren": Dabei wird ein Nylonnetz auf die Wunde gelegt, welches Fliegenlarven der Species Lucilia sericata oder cuprina enthält. Diese produzieren Enzyme, die speziell abgestorbenes Gewebe (Nekrosen) verflüssigen. Lorenzen: "Nach maximal 3 Tagen wird das Netz entfernt, die Larven fallen heraus oder verlassen die Wunde von selbst."
Zu den konventionellen Methoden zur Förderung der Wundbehandlung gehören Antibiotika, die erst im fortgeschrittenen Stadium eingesetzt werden, und gentechnisch hergestellte Wachstumsfaktoren. Auch sie können nicht immer verhindern, dass eine Amputation notwendig wird. Früher wurde "großzügig" amputiert, um eine Wundheilung "im Gesunden" zu ermöglichen. Heute sollten jedoch "Not-" oder "Major"-Amputationen nur noch die letzte Möglichkeit sein. Lorenzen fordert eine "Amputationsbremse": Bevor der Chirurg einschreitet, sollten ein Gefäßspezialist und ein Diabetesexperte klären, ob durch eine Gefäßoperation (oder eine Katheterbehandlung) oder eine bessere Blutzuckereinstellung eine Amputation vermieden werden kann.
Optimal wäre es, wenn alle betroffenen Diabetiker von speziellen "Fußambulanzen" betreut würden, in denen Fußpfleger, Orthopädieschuhmacher, Chirurgen, Diabetologen und Angiologen (Gefäßspezialisten) zusammenarbeiten würden. Davon ist man in Deutschland jedoch noch weit entfernt.
WANC 24.05.04/DMW
