Psychopharmaka: Sind Vorbehalte berechtigt?
Mit dem Misstrauen gegenüber Psychopharmaka haben sich Wissenschaftler der TU München auseinandergesetzt. Sie kommen in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Mittel, die sich auf die Psyche eines Menschen auswirken, zumindest auf lange Sicht nicht weniger wirksam sind als Medikamente gegen andere Krankheiten.
Subjektive Zweifel objektiv geprüft
Psychopharmaka sollen psychische Störungen wie Angst, Depression oder Halluzinationen unterdrücken. Das bedeutet auch: Sie heilen nicht. Dennoch sagt die "Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung", dass Psychopharmaka "hilfreich sind und – richtig angewandt – eine wichtige und unverzichtbare Behandlungsmodalität darstellen". Unbestritten ist nach Ansicht der Gesellschaft auch, dass sich ohne diese Medikamente eine moderne, humane und soziale Psychiatrie nicht hätte entwickeln können.
Das sehen viele sicher ganz anders. Die Ablehnung, das Misstrauen und die Vorbehalte sind oft groß. Große Angst herrscht vor hohen Nebenwirkungsrisiken, vor Suchtentwicklung oder der Gefahr von Persönlichkeitsveränderungen. Vor allem wird oft der Nutzen und die Wirksamkeit der Psychopharmaka in Zweifel gezogen.
Genau diese beiden Punkte hat die TU München untersucht. Prof. Stefan Leucht und Mitarbeiter haben 33 Studien zu 16 Medikamenten, die in der Psychiatrie eingesetzt werden, ausgewertet. Diese Ergebnisse haben sie mit Effektraten und Effektstärken von 48 Arzneimitteln gegen andere Krankheiten verglichen.
Zumindest in der Langzeitwirkung von Nutzen
Antidepressiva erreichten in der Akuttherapie im Durchschnitt Effektstärken von 0,3. Das ist etwas schlechter als die anderer Medikamente. Eine Effektstärke von 0,2 gilt als gering, 0,5 weist auf einen mittleren Therapieeffekt hin, ab 0,8 ist die Wirkung hoch. Auch die Effektrate lag mit 7 bis 10 (damit wird die Anzahl der Patienten bezeichnet, die behandelt werden müssen, bis sich bei einem die gewünschte Wirkung einstellt, ein geringer Wert ist also besser) vergleichsweise schlecht. Doch bei der Erhaltungstherapie schnitten Psychopharmaka mit einer Effektrate von 4 bis 5 gut ab. Zum Vergleich: Etablierte Medikamente zur Auflösung von Blutgerinnseln nach einem Schlaganfall haben eine Effektrate von 20.
Was das für den Patienten bedeutet? Psychopharmaka sind durchaus in der Lage, auf lange Sicht eine Wirkung hervorzurufen. Damit ist aber nur der Vorbehalt der Unwirksamkeit etwas entkräftet. Die anderen Vorbehalte betrifft das kaum.
WANC 01.02.2012
Quelle: The British Journal of Psychiatry (2012) 200, 1–10. DOI: 10.1192/bjp.bp.111.096594
