Ist die Borderline-Störung eine organische Krankheit?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es wurden zwar Veränderungen im Gehirn gefunden, wie das bei vielen anderen psychischen und psychiatrischen Krankheiten auch der Fall ist. Allerdings stellt sich immer die Frage nach der Henne und dem Ei: Was war zuerst da?

Veränderte Hirnareale

Sicher ist, dass die Erkrankung mit bestimmten Hirnveränderungen einhergeht, die sich auch messen und darstellen lassen. So gibt es beispielsweise Auffälligkeiten in den Regelkreisen der emotionalen Regulation.

Bildgebende Untersuchungen zeigen in Tests der Impulskontrolle tendenziell eine Unterfunktion im sog. präfrontalen Kortex. Das ist ein Teil im Bereich der Stirnseite des Gehirns, der für höhere geistige, aber auch psychische und soziale Leistungen des Menschen verantwortlich ist.

Tendenziell reduzierte Hirnvolumina ließen sich daneben in Hirnbereichen nachweisen, die für die Gedächtnisfunktionen (Hippocampus) und Gefühlsreaktionen (Amygdala) wichtig sind. Auch Nervenbotenstoffe wie Serotonin oder Dopamin sind für die Persönlichkeitsstörung wahrscheinlich bedeutsam. Hier gehen Wissenschaftler von einem Ungleichgewicht aus.

Vieles noch unklar

Aber zurück zu Henne und Ei: Löst nun die Hirnveränderung die Störung aus, oder ist die organische neurobiologische Veränderung Folge der Krankheit?

Da bekannt ist, dass traumatische Erfahrungen in der Kindheit und Jugend Hirnveränderungen verursachen können, könnte man zumindest annehmen, dass das auch bei der Borderlinestörung so ist, die meist mit Traumata im Verlauf der Entwicklung verbunden ist. Fraglich ist natürlich auch, ob jeder mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung organische Veränderungen im Gehirn aufweist.

Gut vorstellbar ist, dass sich Hirnstrukturen und auch der Hirnstoffwechsel mit einer Besserung der Krankheit normalisieren. Dazu müssten aber noch viele weitere Untersuchungen und Studien durchgeführt werden.

Zusammenspiel von Körper und Psyche

Grundsätzlich lässt sich bei aller Vorsicht und dem noch erheblichen Forschungsbedarf sagen, dass eine Borderline-Erkrankung organische Komponenten aufweist. Daneben spielen aber immer noch weitere Faktoren eine Rolle. So stehen oft traumatische Erfahrungen wie Missbrauch und Gewalt in Kindheit und Jugend im Hintergrund.

Und schließlich ist die individuelle Veranlagung und Persönlichkeitsstruktur ganz entscheidend dafür, wie diese Erfahrungen und Prägungen verarbeitet werden. Denn nicht jeder, der solche seelischen Verletzungen erlitten hat, entwickelt eine Persönlichkeitsstörung.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Eva Bauer (Ärztin)

Anzeigen